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YOLO oder ich will nichts bereuen.

Mein Onkel wird sterben und das schon in wenigen Wochen. Obwohl ich nie so engen Kontakt zu ihn hatte, wie ich gern gehabt hätte, stimmt mich die Gewissheit, das er bald nicht mehr da sein wird sehr nachdenklich. Für mich ist das eine besondere Situation. In meinen vergangenen 32 Lebensjahren bin ich nur entfernt mit dem Tot in Berührung gekommen. Niemand aus meiner Familie ist zu meinen Lebzeiten gestorben. Vielleicht meine Oma väterlicherseits und meine Uroma mütterlicherseits. Aber ich war noch viel zu jung um traurig zu sein oder zu begreifen, warum jemand so plötzlich nicht mehr da ist.

Freunde und Freundinnen von mir mussten bereits viel früher von geliebten Menschen Abschied nehmen. Einmal war ich sogar auf einer Beerdigung, um Beistand zu leisten. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich in der Situation sehr verwirrt war. Ich dachte, ich müsse traurig sein und weinen. Ich war aber nicht traurig und weinen konnte ich auch nicht. Mir tat meine Freundin leid, weil sie sich von ihrem Opa verabschieden musste und mir tat ihre Mutter leid, die um ihren Vater trauerte. Ich war lediglich traurig, weil sie traurig waren. Nur Trauer konnte ich keine in mir finden, so sehr ich es versuchte.

Lange Zeit glaubt ich, den Tot als gegeben hinzunehmen und daher keine wirkliche Trauer empfinden zu können. Einige Jahre später, als ich den U2 Song „Sometimes you can’t make it on your own“ hörte, fühlte ich mich traurig. Bono schrieb den Song für seinen verstorbenen Vater und sang ihn auf dessen Beerdigung. Beim Hören versuchte ich nachzuempfinden, was Bono gefühlt haben mag. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich mich fühlen würde und es tat weh. Mir wurde klar, dass ich mir meine harte Schale nur einredete, um mich nicht mit meinen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Ich schob sie und jeden Gedanken an meine eigene Sterblichkeit und die Sterblichkeit der Menschen die ich liebe beiseite und lies alles an mir abprallen.

Heute weiß ich, dass mir der Tot sehr wohl nahe gehen kann. Seid ich weiß, dass mein Onkel nicht mehr lange zu leben hat, denke ich permanent über mich und mein Leben nach. Noch mehr als üblich erwische ich mich dabei, wie meine Gedanken in die Vergangenheit abdriften, verpasste Gelegenheiten hervorkramen und ich mich frage: „Hast du wirklich alles richtig gemacht?“, „Ist das Leben das du jetzt führst, das Leben auf das du in 30 Jahren zufrieden zurück blicken kannst ohne eine Entscheidung zu bereuen?“, „Wenn nicht, auf was für ein Leben möchtest du zurück blicken und was musst du heute dafür tun?“. In meinen ersten 32 Lebensjahren habe ich mich, wie ich heute glaube, viel zu häufig falsch entschieden. Meistens, weil ich mir etwas nicht zutraute und nicht den nötigen mute hatte. Oft aus falscher Scham. Heute wünsche ich mir, für einige dieser Situationen eine zweite Chance zu bekommen. Ich weiß nicht, wie mein Leben heute aussehen würde. Vielleicht besser, vielleicht schlechter. Eigentlich möchte ich mich auch nur darin bestätigt fühlen, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Da das nicht geht, frage ich mich heute um so mehr, wie ich mich Entscheiden muss. Ich will keine meiner Entscheidungen bereuen müssen. Ich will aber gleichzeitig nichts verpassen. Oscar Wilde schrieb einst: „Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen.“ Was er schon damals meinte war YOLO. Andererseits frage ich mich ob eine Lebensweise in der man jeder Versuchung ohne Rücksicht auf die Konsequenzen nach gäbe, nicht unweigerlich dazu führt, einsam und allein zu enden?

Ich weiß noch keine Antwort darauf. Der richtige Weg liegt sicherlich irgendwo in der großen grauen Zone zwischen YOLO und der Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Ich habe hoffentlich noch ein wenig Zeit, mir darüber klar zu werden, was ich vom Leben möchte. Wenn es so weit ist, hoffe ich den Mut zu haben, die für nötigen Entscheidungen zu treffen um dann irgendwann, wenn die frage aufkommt, ob ich alles wieder genauso tun würde, ich mit ja antworten kann.